Mittwoch, 22. Juni 2011

Ein riesengroßes ENTSCHULDIGUNG erst einmal an alle Blog-Leser (ein paar sind mir trotz meiner viel zu seltenen Einträge vielleicht treu geblieben). Der letzte Eintrag ist wirklich lange her, aber das liegt vor allem daran, dass ich besonders arbeitstechnisch eine recht turbulente Zeit hinter mir habe und dass ich außerdem für 3 Wochen Besuch aus Deutschland von Hanni hatte.

Aber erstmal der Reihe nach: bei der Arbeit ging in letzter Zeit alles etwas drunter und drüber. Vor einigen Wochen hat mein Mitfreiwilliger überraschend seinen Freiwilligendienst abgebrochen und seitdem mussten wir uns als Team erst einmal neu ordnen und organisieren, was wir bisher gut hinbekommen haben- nur bedeutet ein Teammitglied weniger natürlich auch mehr Arbeit für alle anderen, trotz guter Organisation.

Außerdem wurde für das Centro de Desarrollo Kaspar Hauser das sogenannte „Weltwärts-Begleitprogramm“ genehmigt, ein Programm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, das bedürftige Projekte, in denen weltwärts-Freiwillige tätig sind, einmalig finanziell unterstützt, um notwendige Anschaffungen, Neubauten o.ä. Zu unterstützen. Für dieses Projekt musste erst einmal mit großem Zeitdruck eine Liste der benötigten Dinge zusammengestellt werden, was sich als schwierig herausstellte- im Kindergarten werden nämlich unzählige kleine Alltagsgegenstände dringender benötigt als irgendeine Großanschaffung. Also wurde eine lange Liste mit Dingen wie Töpfen, Wachsmalern, Wäscheleinen, Bettlaken, Kinderbetten etc zusammengestellt, um sie dann an den Verantwortlichen meiner Entsendeorganisation in Deutschland zu schicken, der mit dem verantwortlichen Ministerium in Kontakt steht. Nun wurde uns dieser wichtige Antrag genehmigt, was mich riesig gefreut hat- obwohl mein Jahr hier schon bald zuende geht, weiß ich durch meine Arbeit im Projekt, wie sehr die Neuanschaffungen sowohl Erzieherinnen als auch zukünftige Freiwillige entlasten können werden und wie positiv sich dieser finanzielle Zuschuss auch auf die Arbeit mit den Kindern auswirken kann. Bisher mussten die Kinder ihren Mittagsschlaf auf dünnen Matratzen auf dem Fliesenboden halten, was besonders jetzt bei Temperaturen bis zu 0°C weder angenehm noch verantwortbar war.Außerdem scheiterten bisher Bastel- oder Malarbeiten, die für die Feinmotorik der Kinder von großer Wichtigkeit sind, oftmals daran, dass schlicht und einfach kein Geld für die nötigen Materialien zur Verfügung steht. Andererseits kommt nun besonders auf mich auch einge Arbeit zu, da ich für die Beendigung dieses kleinen Projekts einen ausführlichen Abschlussbericht schreiben muss, der noch dazukommt zu dem Papierkram, den ich in der nächsten Zeit für Uni, Bafög, Nebenjob-Bewerbungen und Freiwilligendienst- Beendigung zu erledigen haben werde. Aber vieles davon hat ja noch Zeit, und zu den meinen in Chile gelernten Lebensweisheiten zählt ja auch, dass eine dezent-entspannte Haltung zu solchen Dingen nicht schaden kann (dezent sage ich, da manche Chilenen eine alles andere als dezent entspannte Haltung haben, ich denke da zum Beispiel an die Klempner, die unsere kaputte Heizung schon seit einiger Zeit so ruhen lassen und das ganze eher ruhig angehen lassen...Naja, erfreulich ist das mit der entspannten Haltung also nicht immer, aber dafür hat man auch selten diese gehetzten und unfreundlichen Menschen, die einem in Deutschland doch häufiger mal über den Weg laufen können).


Der Besuch von Hanni war auch mal eine willkommene Abwechslung im Arbeitsalltag- und vor allem war es schön, alles, was ich an Chile mag, mal mit jemandem aus der Heimat teilen zu können. Da ich arbeiten musste, konnten wir die wirklich schönen Teile des Landes im nördlichen und südlichen Teil leider nicht besuchen, aber immerhin haben wir einen Tagestrip nach Valparaíso und Viña gemacht und Hanni konnte für ein paar Tage nach Puerto Montt zu Martins Familie reisen.

Nun neigt sich der Juni schon seinem Ende zu, und ich weiß mal wieder nicht, wo die Zeit geblieben ist...Kaum zu glauben, dass in 1 ½ Monaten schon ein Jahr vergangen ist, seit ich hier ankam und angefangen habe, im Centro de Desarrollo zu arbeiten. Im Juli habe ich noch 2 Wochen Winterferien, in denen ich an die 3-Länder-Grenze zwischen Brasilien, Paraguay und Argentinien reise- ich wollte schon so lange die Iguazu-Fälle kennenlernen und habe nun endlich die Gelegenheit dazu! Ich hätte so gerne noch Länder wie Kolumbien, Bolivien und Peru besucht, aber letztendlich reichen dafür Zeit und Geld leider nicht aus. Aber dies wird ja nicht mein letzter Südamerika-Trip sein, also bleiben diese Ziele eben noch auf meiner Reise-Wunschliste. Durch die Ferien bleiben mir jetzt also nur noch unglaubliche 4 Arbeitswochen, und ich weiß noch gar nicht, was ich davon halten soll. Einerseits freue ich mich auf Deutschland, Familie, Freunde und auch auf mein Studium, und andererseits habe ich mich in das Leben hier eingewöhnt und auch die Arbeit trotz aller Anstrengungen ins Herz geschlossen... Nun ja, daran denke ich jetzt besser noch nicht so viel, ich habe mir immerhin vorgenommen, nicht früher als eine Woche vor Abreise in Abschiedsstimmung zu kommen, und bis dahin die Zeit einfach zu genießen.

Also, tausend Dank an jeden Leser, der meinen Blog noch verfolgt.
Ich schicke euch allen liebe Grüße aus dem nun wirklich eisigen Chile- bis bald!
Alena

-und noch ein paar zusammengewürfelte Fotos aus den letzten Wochen:
 von mir heißgeliebtes chilenisches Nationalgericht: completos, Hot Dogs mit Tomate und Avocado.

 die Bushaltestelle in der Nähe meiner Arbeit mit Blick auf die Andenkordillere

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Kindergarten-Ausflug




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 mit Hanni in unserer Wohnung


 Blick von unserem Balkon

Donnerstag, 5. Mai 2011

Raus aus Santiago...



-zumindest für ein paar Tage, das ist manchmal schön zum Luft holen und um sich daran zu erinnern, wie schön dieses Land eigentlich ist. Ich mag Santiago als Stadt, keine Frage, es gibt immer etwas zu tun und neues kennenzulernen, aber wirklich schön ist es hier, wenn man ehrlich ist, nicht- zu dem Schluss würden wohl die meisten Einwohner dieser Stadt kommen. (bei denen, die nicht hier wohnen, ist es da einfacher; die allermeisten Bewohner der Regionen, die ich kenne, finden Santiago einfach grauenvoll)

-aber wie gesagt, rauskommen ist immer schön. Und deshalb widme ich diesen Blogeintrag den beiden Wochenendausflügen, die ich in der letzten Zeit gemacht habe:
der viel zu kurze „nicht-mal-ganz-Wochenendausflug“ nach Valparaíso, eine Stadt, die etwa 1,5 Stunden entfernt von Santiago am Meer liegt, und dem Osterwochenende in Puerto Montt/Llancuahue, das ich zusammen mit Martin und seiner Familie verbracht habe.

Erstmal also zu Valparaíso, der Stadt, von der die meisten Touristen, die sie kennen lernen, und auch viele Chilenen begeistert sind. Ich war schon einmal für einen „Blitzbesuch“ in Valparaíso, und zwar vor 2 Jahren zusammen mit Martin und einem Freund- diesmal war ich zusammen mit Magda, einer anderen deutschen Freiwilligen, und ihrem Freund Roberto, der aus Valparaíso stammt, unterwegs. Recht unwegsam finde ich diese Stadt irgendwie- eigentlich fangen direkt hinter dem Hafen hohe Hügel an, auf denen die meisten Wohnviertel gebaut sind, unüberblicklich wie ein Labyrinth, ein Haus ist irgendwie auf das andere gestapelt, und alle sind in bunten Farben angemalt- zumindest auf den „Vorzeigehügeln“ wie z.B. dem Cerro Alegre, wo sich die meisten Touristencafés etc befinden. Andere Teile dieser Stadt haben da ein ganz anderes Gesicht; Valparaíso ist eine der ärmsten Städte Chiles- der Hafen hat, wie mir erklärt wurde, schon lange nicht mehr die Bedeutung von früher, und andere Industrie o.ä. Ist in dieser Stadt schlecht möglich- es gibt irgendwie schlicht und einfach keinen Platz für mehr Wachstum dort, das ist irgendwie mein Eindruck...Aber dieses vollgestopfte und labyrinthartige schafft eine Atmosphäre, die ich so noch nirgendwo anders gesehen habe. Viele Hauswände und baufällige Gebäude, Mauern etc sind bunt bemalt mit Mustern, bunten Farben und Bildern, Gedichten, politischen Slogans und so weiter. Die ganze Stadt ist ein einziges Kunstwerk, das so in sich gewachsen ist (wann und wie all die Wandbemalungen entstanden sind, weiß ich nicht), und wird nicht zuletzt deshalb als „Kulturhauptstadt“ Chiles bezeichnet- sie soll eine große Inspiration für Künstler aller Art sein, und das kann ich mir sehr gut vorstellen.








-am langen Osterwochenende haben Martin und ich uns mit dicken Winterjacken, Mützen etc ausgerüstet auf die lange, 13-stündige Busreise nach Puerto Montt gemacht, um seine Familie zu besuchen. Leben könnte ich im kalten und regnerischen Süden von Chile vielleicht nicht- aber wunderschön ist es dort allemal. Martins Eltern haben uns für das Wochenende zu einem ganz besonderen Platz eingeladen: den „Termas de Llancuahue“. Ich habe keine Ahnung, wie sie auf die Idee gekommen sind, ausgerechnet dorthin zu fahren, denn besonders gut erreichbar war diese kleine Insel, auf der sich die Thermen befinden, nicht- aber in Chile ist man ja nicht so zimperlich mit Entfernungen, also gings, kaum in Puerto Montt angekommen, wieder los: 3 Stunden mit dem Auto, 20 Minuten mit der Autofähre, dann nochmal 1 Stunde mit dem Auto, um es schließlich abzustellen und mit einem Mini-Motorboot zu der kleinen Insel in den Fjorden Südchiles zu düsen. Die 2 Tage auf dieser Insel haben mich wieder dran erinnert, wie einzigartig die Landschaft dort im Süden ist- eine riesige Weite, das Meer, der Wind, die vielen kleinen Inseln, und der riesige Kaltregenwald auf dem Festland...Ich war mal wieder überwältigt davon, wie sehr die Welt an manchen Orten einfach noch in Ordnung ist. Diesen Teil von Südchile kannte ich noch nicht- aber jetzt, wo ich dank der Eltern von Martin eine kleine Tour durch diese Wälder und diese Landschaft machen konnte, verstehe ich voll und ganz den Ex- Besitzer der Marken The North Face und Esprit, Douglas Tompkins, der einen großen Teil seines Vermögens dafür ausgegeben hat, diesen Teil Chiles zu kaufen und ihn zum Naturschutzgebiet („Parque Pumalín“) zu erklären. Es ist unglaublich, jetzt wieder in Santiago zu sitzen und nur Beton, Smog und Autos zu sehen, und dabei zu denken, dass im gleichen Land noch eine solche Natur existiert- aber es ist sehr beruhigend, zu wissen, dass es Leute gibt, die ihre Macht und ihr Geld dafür nutzen, diese letzten „echten“ naturbelassenen Gebiete zu schützen. Die Thermen selber waren ein tolles und seeeeeeehr entspannendes Erlebnis- in Llancuahue gibt es eine warme, schwefelhaltige Quelle, deren Wasser direkt in die Becken des Thermen-Hostals, geleitet wird. Zuerst fand ich den Geruch nach Schwefel und den Gedanken, bei ca. 6 Grad Lufttemperatur im Bikini vom Haus bis zum Pool zu hüpfen, etwas abschreckend...Aber zum Glück konnte ich mich doch dazu durchringen, und wollte dann gar nicht mehr aus raus: das warme Wasser und der wahnsinnige Ausblick aufs Meer und die benachbarten Inseln waren einfach sehr gut für Körper und Geist, und so konnten wir entspannt und erholt ins schnelle und hektische Alltagsleben Santiagos zurückkehren.








- soviel also zu meinen kleinen Reisen- ansonsten gibt es nicht viel neues, alles ist beim Alten, bei der Arbeit genauso wie privat. Tut mir übrigens sehr Leid, dass ich gar keine Fotos vom Kindergarten mehr hochlade, aber momentan bleibt bei der Arbeit einfach keine Zeit zum fotografieren. Irgendwann schaff ichs schon noch ;)

Freitag, 8. April 2011

..und schon wieder rennt die Zeit so unglaublich- tut mir Leid, dass ich mich hier nicht öfter melde, aber im Grunde gibt es ja auch nicht ständig so viele Neuigkeiten, dazu kommt, dass ich in letzter Zeit ziemlich fotografier-faul gewesen bin.

Was die Arbeit angeht, fällt mir vor allem eins ein: nach einem Monat mit den neuen Kindern könnte ich echt schon wieder Ferien gebrauchen! Die Arbeit mit Kleinkindern ist wirklich so viel erschöpfender als ich dachte, und ich muss echt sagen, dass ich Respekt vor denjenigen habe, die sich das zum Beruf machen und jeden Tag wieder mit unglaublicher Geduld und guter Laune an die Arbeit gehen. Ich bereue zwar nicht meine Entscheidung, für 1 Jahr in einem Kindergarten zu arbeiten, weil es eine wichtige und vollkommen „andere“ Erfahrung ist, aber ein ganzes Leben in diesem Beruf muss unglaublich anstrengend sein. Das alles fängt ja schon damit an, dass man Kinder nicht mit logischen Argumenten dazu bekommen kann, irgendwas zu tun oder zu lassen- und das ist ganz besonders in einem Waldorfkindergarten eine echte Geduldsprobe, weil man ja möglichst nicht „nein“ zu einem Kind sagen soll, sondern ihm Alternativen aufzeigen soll. Wenn man nun aber schon gefühlte 20mal die Spielküche aufgeräumt und ausgefegt hat und den Kindern gesagt hat, dass die Küche nun geschlossen ist und sie doch woanders spielen sollen und sie dann nochmal reinrennen und alles wieder durcheinanderbringen, dann komme zumindest ich echt zur Weißglut, und ich hab echten Respekt vor denen, die dann immer noch vollkommen ruhig bleiben. Diese ewige Ruhe und Ausgeglichenheit, die man als Waldorf-Erzieherin ja ausstrahlen soll, ist nicht nur eine echte Geduldsprobe für mich, sondern manchmal frage ich mich auch, wo da der Lerneffekt sein soll- besonders für Kinder, die schon von zu Hause aus keine wirklichen Grenzen aufgezeigt bekommen.
Das ist also der anstrengende Teil der Arbeit momentan- besonders, weil ja fast alle Kinder neu sind und die „Spielregeln“ im Kindergarten und im Umgang mit anderen Kindern noch nicht kennen- da werden also schonmal ordentlich Schläge, Tritte, Bisse und Schimpfwörter ausgeteilt, das wird aber hoffentlich bald besser. Ansonsten sind natürlich auch viele liebe und umgängliche Kinder dazugekommen, die einem echte Freude machen können. Außerdem ist das Arbeitsklima durch den Personalwechsel zum Anfang des Jahres nun wesentlich entspannter, auch wenn es manchmal noch etwas an Struktur fehlt. Wir vermissen natürlich Yanette, die ehemalige Köchin und „Haushälterin“ des Kindergartens, der aus finanziellen Gründen gekündigt wurde- nun müssen wir ja unter uns Aufgaben wie Kochen und Putzen aufteilen. Allerdings kann es an stressigen Tagen auch mal eine echte Entspannung sein, für eine halbe Stunde in der Küche zu arbeiten, etwas weiter weg von Geschrei und Chaos.

In unserer kleinen WG geht es weiterhin lustig zu, auch wenn für Pori und Martin die Uni inklusive Klausuren auch wieder angefangen hat. Gerade durfte ich zwar meine Bettwäsche mit der Hand waschen (das ist schon ein Vorteil daran, in nem Haus mit Waschmaschine zu wohnen ;) ), aber das ist eigentlich auch das einzige kleine Manko ;)
Morgen fahre ich in das 1,5 Stunden entfernte Valparaíso, wo ich mich mit Magda, einer anderen deutschen Freiwilligen von derselben Organisation wie ich treffe- ihr Freund kommt aus Valparaíso, deshalb hab ich auch schon ein Dach über dem Kopf, und natürlich freut man sich immer, mal für ein Wochenende aus Santiago rauszukommen und mal wieder das Meer zu sehen.. Und Valparaíso ist eine echt schöne Stadt, ich werd versuchen, jede Menge Fotos zu machen!
In 2 Wochen ist dann ja auch schon Ostern; da fahre ich mit Martin nach Puerto Montt zu seiner Familie, da ist es bestimmt schon richtig kalt- hier in Santiago genießen wir ja, obwohl der Herbst offiziell schon angefangen hat, immer noch Temperaturen bis zu 30 Grad, und das kann, wenns nach mir geht, auch noch eine Weile so bleiben ;)

Also, das wars mal wieder von mir, ich melde mich bald wieder, hoffentlich mit schönen Fotos aus Puerto Montt und Valparaíso.. Und vielleicht auch von der Arbeit, ich werd demnächst, wenn sich die Kinder etwas eingewöhnt haben, mal wieder Fotos machen.

Un abrazo gigante! Alena


 Bilder von der "Concha Acustica", einem Konzert in Martins Uni

 Av. Colón und rechts unser Gebäude

im Kindergarten

Samstag, 5. März 2011

Und schon wieder ist ein ganzer Monat vergangen, seit ich mich hier gemeldet habe...Wie die Zeit rennt!

Den Rest des Monats Februar habe ich arbeitstechnisch vor allem mit Aufräum-, Reperations- und Putzarbeiten verbracht- nicht gerade angenehm und auch nicht spannend, aber gehört eben auch dazu. Als ich Anfang Februar zum ersten Mal nach den Ferien den Kindergarten betreten habe, herrschte das totale Chaos- die Ex- Erzieherin, der ja Ende des letzten Jahres gekündigt wurde, hatte als ihre letzte Aktivität im Projekt Kaspar Hauser die Wände weiß gestrichen (die rötlich- gelbe Waldorffarbe muss jedes Jahr aufgefrischt werden) und wirklich ALLES (Spielsachen, Decken, Kissen, Gardinen...) in Kisten gepackt und diese so zugeklebt, als würde man die Sachen in den nächsten 5 Jahren nicht mehr auspacken wollen. Beim Streichen scheint die Gute auch nicht gerade in bester Laune gewesen zu sein, da sie so nett war, den Parkettboden nicht abzudecken, woraufhin alles mit weißen Farbsprenkeln voll war- Begeisterung darüber von meiner Seite, da ich das ganze beseitigen durfte. Zwischen allen Kisten, Kästen und aufgestapelten Möbeln hatten sich schon Kakerlaken, Spinnen und anderes rätselhaftes Viehzeug eingenistet- wenn ich also morgens ankam, habe ich erstmal alle Fenster und Türen aufgerissen, um mit dem Licht und der frischen Luft alle Insekten so gut wie möglich zu verscheuchen.
In der 2. Hälfte des Monats hatte ich dann wieder die Unterstützung der beiden Erzieherinnen (habe also auch endlich meine neue „Chefin“ kennengelernt) und meinem Mitfreiwilligen Julian. Das nächste große Projekt war das Streichen der Wände im Kindergarten- und weil in der Waldorfpädagogik ja Farben und Formen eine große Rolle spielen, ist das alles gar nicht so einfach wie ich mir das vorgestellt hätte (Pinsel, Farbe, fertig). Erst einmal geht es nämlich darum, dass die Aquarellfarbe, die verwendet wird, mit einem Schwamm aufgetupft wird- und zwar nicht irgendwie, sondern immer in der Form einer liegenden oder stehenden 8, um zu verhindern, dass gerade Linien entstehen. Ich wusste erst nicht so ganz genau, was an geraden Linien so schlimm sein soll, allerdings haben mir die Erzieherinnen dann erklärt, dass die Kinder in den betupften Wänden Bilder erkennen sollen, die aus der eigenen Fantasie heraus entstehen- so wie man z.B. mit etwas Fantasie in jeder Wolke ein Bild sehen kann. Sehr Waldorf, deshalb wollte ich das hier mal kurz festhalten, weil ich ja bis jetzt relativ wenig darüber erzählt habe, inwiefern sich ein Waldorfkindergarten eigentlich von einem „normalen“ unterscheidet- hier ist also schon mal eine Besonderheit ;) Ich hab mich beim Streichen sogar relativ gut geschlagen, die Feinheiten mussten allerdings von einer der Erzieherinnen übernommen werden- die Farbe darf nämlich zum Beispiel am Ende der Wand nicht aprupt aufhören, sondern muss weich auslaufen etc- da hat meine künstlerische Ader dann doch nicht ausgereicht.
Auch beim Einrichten des Raums sind einige Sachen einfach komplizierter als in einem normalen Kindergarten- die Puppenkleider müssen beispielsweise aussortiert werden- alle Textilien, mit denen die Kinder spielen, müssen aus natürlichen Stoffen, sprich Wolle oder Baumwolle, bestehen. Außerdem ist es besonders wichtig, wo welche Spielecke eingerichtet wird- so wurde z.B. die Spielküche der Kinder in eine Ecke nahe der „echten“ Küche versetzt- mir wurde erklärt, dass die Kinder so mehr Anreiz haben, in dieser Ecke zu spielen, da sie die Erwachsenen, die in der echten Küche arbeiten, nachahmen. Nachahmung ist auch ein wichtiger Teil der Waldorfpädagogik- es ist also wichtig, dass die Kinder die Erzieherinnen so oft wie möglich bei manuellen Arbeiten sehen- wenn man sich also neben die spielenden Kinder setzt und strickt, näht oder während der „Hof- Spielphase“ Gartenarbeiten erledigt, heißt es, dass die Kinder diese Arbeiten nachahmen wollen und so Dinge wie Ordnung, Sauberkeit und Fleiß tiefgehender lernen, als wenn man es ihnen nur erklären würde.
Diese paar Beispiele also als kleine Beschreibung der Waldorfpädagogik, wie ich sie hier kennengelernt habe, nachdem ich ein paar Mal nach den Unterschieden und Besonderheiten gefragt wurde. Es ist auf jeden Fall sehr interessant und viele Grundsätze sind auch sicherlich sinnvoll- andere Dinge sind dann allerdings auch etwas weltfremd, veraltet (dass die Kinder zum Beispiel lernen, dass man als Frau den ganzen Tag strickt, näht oder kocht finde ich einfach nicht grad zeitgemäß- ich glaube allerdings auch, dass das nicht Waldorfpädagogik allgemein ist, sondern einfach die Art und Weise, wie sie speziell in meinem Projekt praktiziert wird) oder einfach unpassend übernommen, diese Pädagogik stammt ja einfach aus Deutschland und passt also nicht immer auf Südamerika und besonders nicht unbedingt auf das Leben von Kindern aus problematischen Familien.

Ansonsten bin ich, was die Arbeit betrifft, jetzt sehr gespannt auf die kommende Zeit mit den vielen neuen Kindern- wir haben jetzt Donnerstag und Freitag langsam mit wenigen Kindern angefangen, alle paar Tage werden ein paar dazukommen, bis es am Ende rund 25 Kinder sein werden. Ich muss sagen dass ich ein bisschen Angst habe, denn die Kinder sind einfach noch wahnsinnig klein, manche erst 2 ½ Jahre alt, und wir müssen ja nun auch noch „nebenbei“ das Mittagessen, den Abwasch etc selber erledigen. Mal sehen wie das alles wird, ich berichte!

Was den Rest meiner Zeit betrifft, ist im Moment alles bestens- ich habe im Februar nur halbtags gearbeitet und hatte also viel Zeit für alles, was nicht zur Arbeit gehört. In der Wohnung mit Pori und Martin bin ich total zufrieden und glücklich, mein Alltagsleben ist jetzt auf jeden Fall um einiges lustiger geworden, weil man einfach abends immer Gesellschaft hat und wir auch andere Leute hierher einladen können...Außerdem ist ja immer noch Sommer, was ich auch in vollen Zügen genieße- will noch gar nicht an die Wintermonate denken und hoffe schonmal im Voraus, dass unsere Wohnung gut gedämmt und geheizt ist, da können einem besonders hier in Santiago, wo die Häuser eher für den Sommer gemacht sind, unangenehme Überraschungen passieren- in manchen Wohnungen und Häusern ist es echt unglaublich kalt und eine Heizung bringt dann auch nicht viel, weil die Wärme innerhalb von einer Stunde wieder verschwunden ist.

Also verabschiede ich mich mal wieder zurück ins Wochenende- bis bald!
Alena


 der Kindergarten frisch gestrichen und wieder eingerichtet, am letzten Ferientag

 mein Mitfreiwilliger Julian, der seit Anfang Dezember da ist, und ich am Präsidentenpalast- "La Moneda"


 Santiago ist nicht immer hässlich, so wie das viele Chilenen finden!
(Ausblick vom Dach des Gebäudes, in dem eine Freundin wohnt, im Hintergrund die Andenkordillere)

Samstag, 5. Februar 2011

Cambia, todo cambia- vieeele Veränderungen

So, nun ist mein Ferienmonat Januar auch schon wieder vorbei, das heißt, das Alltagsleben in Santiago geht weiter- auch wenn man bisher noch nicht wirklich von Alltag sprechen kann, da sich über die Ferien vieles geändert hat.

Aber fange ich mal von vorne an. Meine Ferien wurden nämlich von einem sehr traurigen Ereignis überschattet: Josefina, die Schwester meines Freundes Martin und eine gute Freundin von mir, hatte Anfang Januar einen schweren Motorradunfall und ist 8 Tage später an ihren schweren Kopfverletzungen gestorben. Dazu kann ich nun nicht viel schreiben oder berichten, das ganze lässt mich immer noch ziemlich sprachlos. Auf den Tod eines Menschen, der einem nahe steht, ist man nie vorbereitet und es ist immer schwer damit umzugehen, aber ganz besonders schwer ist es natürlich, wenn ein 21jähriges, kerngesundes Mädchen einfach so aus dem Leben gerissen wird. Sinnlos, ungerecht und wahnsinnig traurig. Aber, so schwer es auch ist: das Leben geht weiter und man kann nichts ändern und nichts verbessern an dem was passiert ist, es hat keinen Sinn, Schuldige zu suchen oder ewig zu trauern.. Und das wäre auch das letzte gewesen, was Jose gewollt hätte.

Nach einigem Überlegen haben Martin und ich uns also entschieden, unsere Reise nach Brasilien trotz allem anzutreten- zwar nicht so fröhlich und ausgelassen wie es vielleicht normalerweise gewesen wäre, aber trotzdem mit jeder Menge Vorfreude und auch ein wenig Angst angesichts der neuesten Nachrichten aus Brasilien, die sich eher nach Überflutungen und Schlammlawinen anhörten als nach entspanntem Urlaub und Ablenkung.
Diese Befürchtungen haben sich jedoch Gott sei Dank nicht bestätigt: während der kompletten Woche in Buzios (ca. 2 ½ Std nördlich von Rio de Janeiro) hat sich kaum eine Wolke blicken lassen. Wir konnten also 7 Tage lang die (seeehr entspannte und fröhliche) brasilianische Lebensart, die wunderschönen Strände und den strahlenden Sonnenschein genießen- das war genau das, was wir nach diesen traurigen und anstrengenden Wochen gebrauchen konnten.

Nun bin ich also gut gebräunt und auch ein wenig erholt zurück in ``la capital“, der Hauptstadt, also in anderen Worten im guten alten Santiago. Diese Ferien, in denen sich irgendwie durch das, was passiert ist, so vieles verändert hat, haben auch in meinem Leben hier Spuren hinterlassen: Martin wäre ab jetzt in eine WG mit einer weiteren guten Freundin von uns und Josefina gezogen, und nach Joses Tod haben mich die Eltern gefragt, ob ich nun mit Martin und Francisca in die Wohnung ziehen möchte. Natürlich hat es sich anfangs etwas komisch angefühlt, Joses Platz nun was die Wohnung betrifft so „einzunehmen“, aber mittlerweile freue ich mich sehr auf unsere kleine 3er-WG, im Moment muss in der Wohnung noch vieles erledigt werden, Umzugsarbeiten eben, aber wir hoffen, schon nächste Woche dort einziehen zu können. Der Auszug aus meiner bisherigen Pension fiel mir nicht ganz leicht, da ich meine Vermieterin oder Gastmama schon ziemlich ins Herz geschlossen hatte- aber es bringt auch viele Vorteile mit sich, da ich in meinem alten Zuhause viel alleine war und mir das (besonders abends) manchmal nicht so ganz zugesagt hat (mein Zimmer war ein kleiner Anbau außerhalb des Hauses und ich konnte absolut nicht hören, was im Haus vor sich geht, das war mir manchmal einfach nicht ganz geheuer, wenn ich eben bis nachts alleine war)- nun werde ich also weniger alleine sein, näher an vielen meiner Freunde wohnen, ein schöneres Zimmer haben...Also, kurz gesagt, freue ich mich auf die 2. Hälfte (ja, ich bin wirklich schon 6 Monate hier...) meines Jahres im neuen Zuhause.

Auch bei der Arbeit hat sich nicht nur für mich, sondern für das Projekt insgesamt über die Ferien so einiges grundlegend geändert. Erst einmal musste sich die Kindergartenleitung aus finanziellen Gründen von Yanett, der Hausmeisterin und Köchin des Projekts, trennen. Das kam für mich erst einmal ziemlich überraschend, aber vor allem macht es mir jetzt echte Sorgen, da Yanett quasi die Seele der Einrichtung war, da sie an allen Ecken und Enden ausgeholfen und mitgewirkt hat und einfach schon von Anfang an dabei war. Die nächste Überraschung war, dass auch die „Haupt-Erzieherin“ des Kindergartens kurz darauf rausgeworfen wurde- in ihrem Fall lag das allerdings an einigen Punkten, in denen ich der Leitung eigentlich nur zustimmen kann- für mich ist es also nicht die schlechteste Entscheidung. Ich beginne das neue Jahr jetzt mit vielen positiven Hoffnungen in die neue Erzieherin, die kommen wird, da einige Dinge im letzten Jahr nicht gerade ideal liefen. Aber trotz aller neuer Hoffnungen beginnt das Jahr auch mit vielen Zweifeln, da dem ganzen Projekt ein großer Teil der Basis entzogen wurde, die unter anderem dazu beigetragen hat, dass die Eltern der Kinder Vertrauen in den Kindergarten hatten- wie das alles nun nach dem Personalwechsel sein wird, muss man eben mit der Zeit sehen. Und da Yanett nun fehlt, wird den Erzieherinnen und (wahrscheinlich ganz besonders) uns Freiwilligen eine ganze Menge mehr Arbeit abverlangt werden- es muss ja auch im neuen Jahr täglich gekocht, abgewaschen, eingekauft und geputzt werden.
Wie das alles funktionieren soll, wird sich allerdings erst im März zeigen- der Februar ist hier in Chile noch Sommerferien- Monat. Da das Weltwärts-Programm uns Freiwilligen allerdings nur einen Monat Ferien zugesteht, muss ich seit letzter Woche nun wieder ran an die Arbeit. Das Entspannte an der „Sommerarbeit“ ist allerdings, dass ich eine To do-Liste bekommen habe, die ich abarbeiten muss- wann ich komme und wie lange ich bleibe ist mir überlassen, solange ich alle Sachen erledige. Und das gefällt mir natürlich seeeehr gut, nicht nur, weil ich ein wenig ausschlafen und mir die Zeit selbst einteilen kann, sondern auch, weil ich momentan vorübergehend im Haus von Martins Tante etwas außerhalb von Santiago wohne und deshalb jeden Tag dann in die Stadt fahren kann, wenn eben jemand mit dem Auto in die Richtung muss. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist es von hier draußen doch sehr stressig, bis zu meiner Arbeit zu kommen.


Ansonsten bleibt nur noch zu berichten, dass ich am Mittwoch meinen 20. Geburtstag (unglaublich aber wahr, 20!!!besser gar nich drüber nachdenken) gefeiert hab- zum ersten Mal in meinem Leben mit strahlendem Sonnenschein, so wie ichs mir von kleinauf gewünscht habe- im Sommer Geburtstag haben ist doch einfach viel schöner! Wirklich feiern konnte ich den Geburtstag allerdings noch nicht, da eigentlich alle meine Freunde noch im Urlaub oder in den Regionen bei ihren Familien sind- Martin und ich gehören zu den sehr wenigen Hartgesottenen, die den Februar in Santiago verbringen, was sollen wir auch anderes machen, die Arbeit ruft (Martin macht momentan ein Praktikum, das er für seinen Studiengang braucht.)- aber was solls, die Party kommt dann eben im März!

Also, das war nun das große Sommer-Update.Trotz aller Umbrüche und Traurigkeiten der Ferien fange ich das neue Jahr optimistisch und fröhlich an- wenn ich in Südamerika bisher eins gelernt habe, dann ist es die Tatsache, dass man nach einigem Drehen und Wenden und im Laufe der Zeit aus allem irgendwo was Positives oder Nützliches gewinnen kann.

Un abrazo.
Alena

  
 Josefina. q.e.p.d.


 nach der Silvesterparty- erster Sonnenaufgang 2011

 zurück im guten alten Puerto Montt

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Brasilien:




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 Geburtstag