Und schon wieder ist ein ganzer Monat vergangen, seit ich mich hier gemeldet habe...Wie die Zeit rennt!
Den Rest des Monats Februar habe ich arbeitstechnisch vor allem mit Aufräum-, Reperations- und Putzarbeiten verbracht- nicht gerade angenehm und auch nicht spannend, aber gehört eben auch dazu. Als ich Anfang Februar zum ersten Mal nach den Ferien den Kindergarten betreten habe, herrschte das totale Chaos- die Ex- Erzieherin, der ja Ende des letzten Jahres gekündigt wurde, hatte als ihre letzte Aktivität im Projekt Kaspar Hauser die Wände weiß gestrichen (die rötlich- gelbe Waldorffarbe muss jedes Jahr aufgefrischt werden) und wirklich ALLES (Spielsachen, Decken, Kissen, Gardinen...) in Kisten gepackt und diese so zugeklebt, als würde man die Sachen in den nächsten 5 Jahren nicht mehr auspacken wollen. Beim Streichen scheint die Gute auch nicht gerade in bester Laune gewesen zu sein, da sie so nett war, den Parkettboden nicht abzudecken, woraufhin alles mit weißen Farbsprenkeln voll war- Begeisterung darüber von meiner Seite, da ich das ganze beseitigen durfte. Zwischen allen Kisten, Kästen und aufgestapelten Möbeln hatten sich schon Kakerlaken, Spinnen und anderes rätselhaftes Viehzeug eingenistet- wenn ich also morgens ankam, habe ich erstmal alle Fenster und Türen aufgerissen, um mit dem Licht und der frischen Luft alle Insekten so gut wie möglich zu verscheuchen.
In der 2. Hälfte des Monats hatte ich dann wieder die Unterstützung der beiden Erzieherinnen (habe also auch endlich meine neue „Chefin“ kennengelernt) und meinem Mitfreiwilligen Julian. Das nächste große Projekt war das Streichen der Wände im Kindergarten- und weil in der Waldorfpädagogik ja Farben und Formen eine große Rolle spielen, ist das alles gar nicht so einfach wie ich mir das vorgestellt hätte (Pinsel, Farbe, fertig). Erst einmal geht es nämlich darum, dass die Aquarellfarbe, die verwendet wird, mit einem Schwamm aufgetupft wird- und zwar nicht irgendwie, sondern immer in der Form einer liegenden oder stehenden 8, um zu verhindern, dass gerade Linien entstehen. Ich wusste erst nicht so ganz genau, was an geraden Linien so schlimm sein soll, allerdings haben mir die Erzieherinnen dann erklärt, dass die Kinder in den betupften Wänden Bilder erkennen sollen, die aus der eigenen Fantasie heraus entstehen- so wie man z.B. mit etwas Fantasie in jeder Wolke ein Bild sehen kann. Sehr Waldorf, deshalb wollte ich das hier mal kurz festhalten, weil ich ja bis jetzt relativ wenig darüber erzählt habe, inwiefern sich ein Waldorfkindergarten eigentlich von einem „normalen“ unterscheidet- hier ist also schon mal eine Besonderheit ;) Ich hab mich beim Streichen sogar relativ gut geschlagen, die Feinheiten mussten allerdings von einer der Erzieherinnen übernommen werden- die Farbe darf nämlich zum Beispiel am Ende der Wand nicht aprupt aufhören, sondern muss weich auslaufen etc- da hat meine künstlerische Ader dann doch nicht ausgereicht.
Auch beim Einrichten des Raums sind einige Sachen einfach komplizierter als in einem normalen Kindergarten- die Puppenkleider müssen beispielsweise aussortiert werden- alle Textilien, mit denen die Kinder spielen, müssen aus natürlichen Stoffen, sprich Wolle oder Baumwolle, bestehen. Außerdem ist es besonders wichtig, wo welche Spielecke eingerichtet wird- so wurde z.B. die Spielküche der Kinder in eine Ecke nahe der „echten“ Küche versetzt- mir wurde erklärt, dass die Kinder so mehr Anreiz haben, in dieser Ecke zu spielen, da sie die Erwachsenen, die in der echten Küche arbeiten, nachahmen. Nachahmung ist auch ein wichtiger Teil der Waldorfpädagogik- es ist also wichtig, dass die Kinder die Erzieherinnen so oft wie möglich bei manuellen Arbeiten sehen- wenn man sich also neben die spielenden Kinder setzt und strickt, näht oder während der „Hof- Spielphase“ Gartenarbeiten erledigt, heißt es, dass die Kinder diese Arbeiten nachahmen wollen und so Dinge wie Ordnung, Sauberkeit und Fleiß tiefgehender lernen, als wenn man es ihnen nur erklären würde.
Diese paar Beispiele also als kleine Beschreibung der Waldorfpädagogik, wie ich sie hier kennengelernt habe, nachdem ich ein paar Mal nach den Unterschieden und Besonderheiten gefragt wurde. Es ist auf jeden Fall sehr interessant und viele Grundsätze sind auch sicherlich sinnvoll- andere Dinge sind dann allerdings auch etwas weltfremd, veraltet (dass die Kinder zum Beispiel lernen, dass man als Frau den ganzen Tag strickt, näht oder kocht finde ich einfach nicht grad zeitgemäß- ich glaube allerdings auch, dass das nicht Waldorfpädagogik allgemein ist, sondern einfach die Art und Weise, wie sie speziell in meinem Projekt praktiziert wird) oder einfach unpassend übernommen, diese Pädagogik stammt ja einfach aus Deutschland und passt also nicht immer auf Südamerika und besonders nicht unbedingt auf das Leben von Kindern aus problematischen Familien.
Ansonsten bin ich, was die Arbeit betrifft, jetzt sehr gespannt auf die kommende Zeit mit den vielen neuen Kindern- wir haben jetzt Donnerstag und Freitag langsam mit wenigen Kindern angefangen, alle paar Tage werden ein paar dazukommen, bis es am Ende rund 25 Kinder sein werden. Ich muss sagen dass ich ein bisschen Angst habe, denn die Kinder sind einfach noch wahnsinnig klein, manche erst 2 ½ Jahre alt, und wir müssen ja nun auch noch „nebenbei“ das Mittagessen, den Abwasch etc selber erledigen. Mal sehen wie das alles wird, ich berichte!
Was den Rest meiner Zeit betrifft, ist im Moment alles bestens- ich habe im Februar nur halbtags gearbeitet und hatte also viel Zeit für alles, was nicht zur Arbeit gehört. In der Wohnung mit Pori und Martin bin ich total zufrieden und glücklich, mein Alltagsleben ist jetzt auf jeden Fall um einiges lustiger geworden, weil man einfach abends immer Gesellschaft hat und wir auch andere Leute hierher einladen können...Außerdem ist ja immer noch Sommer, was ich auch in vollen Zügen genieße- will noch gar nicht an die Wintermonate denken und hoffe schonmal im Voraus, dass unsere Wohnung gut gedämmt und geheizt ist, da können einem besonders hier in Santiago, wo die Häuser eher für den Sommer gemacht sind, unangenehme Überraschungen passieren- in manchen Wohnungen und Häusern ist es echt unglaublich kalt und eine Heizung bringt dann auch nicht viel, weil die Wärme innerhalb von einer Stunde wieder verschwunden ist.
Also verabschiede ich mich mal wieder zurück ins Wochenende- bis bald!
Alena
der Kindergarten frisch gestrichen und wieder eingerichtet, am letzten Ferientag
mein Mitfreiwilliger Julian, der seit Anfang Dezember da ist, und ich am Präsidentenpalast- "La Moneda"
Santiago ist nicht immer hässlich, so wie das viele Chilenen finden!
(Ausblick vom Dach des Gebäudes, in dem eine Freundin wohnt, im Hintergrund die Andenkordillere)
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